Gesundheit

Essstörungen

Essstörung

Dr. med. Katharina Larisch

Essstörungen galten früher als „typisch weibliche“ Erkrankung, die nur Mädchen und Frauen betraf. Heute sind sie zwar immer noch in der Mehrzahl, aber Jungen und Männer holen auf.

Essstörungen können prinzipiell in jedem Alter auftreten, aber im Jugendalter - vor allem in der Pubertät – ist die Gefahr, eine Essstörung zu entwickeln, größer. Zu den Essstörungen zählen Magersucht (Anorexie), Ess-Brech-Sucht (Bulimie), Binge Eating Disorder (binge = „schlingen“) und die (latente) Ess-Sucht. Bei etwa einem Fünftel aller 11- bis 17-Jährigen in Deutschland liegt ein Verdacht auf eine Essstörung vor, ergab der Der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) des Robert-Koch-Instituts. Darunter ein Drittel aller Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren und 13,5 Prozent der Jungen dieser Altersgruppe.

Die Betroffenen unterscheiden sich in ihrem äußeren Erscheinungsbild beträchtlich. Sie können extrem hager, aber auch deutlich übergewichtig sein. Allen gemeinsam ist jedoch, dass das gesamte Thema Nahrungsaufnahme für sie zu einem Problem wird und weitere psychische, aber auch körperliche und letztlich auch soziale Folgen nach sich ziehen kann. Die Ernährung dominiert das Leben der Betroffenen, nicht nur ihren Tagesablauf, sondern sie beeinflusst auch viele berufliche und private Entscheidungen.

Magersucht – Hungern als Schutz

Die bekannteste Essstörung ist die Magersucht. Mediziner bezeichnen sie als Anorexia nervosa. Der Einstieg in die Krankheit ist oft eine Diät. Magersüchtige sind extrem dünn, sie essen sehr langsam, extrem heiß oder kalt. Oftmals bevorzugen sie Baby- oder Kindernahrung, breiige Kost oder kalorienarme Nahrungsmittel und Getränke: Sie essen meist sehr einseitig. Obwohl viele Betroffene nach außen durchaus selbstbewusst wirken, verbirgt sich hinter der Fassade ein zutiefst unsicherer Mensch. Häufig leiden Magersüchtige auch an Depressionen. Viele Magersüchtige haben überhöhte Ansprüche an sich selbst, sind sehr ehrgeizig und perfektionistisch. Indem sie dem Bedürfnis ihres Körpers nach Nahrung widerstehen, erhalten sie ein Gefühl der Kontrolle, das ihnen Sicherheit verleiht.

Man unterscheidet mehrere Untergruppen der Magersucht:

  • Bei der restriktiven Anorexia nervosa wird der Gewichtsverlust ausschließlich durch Einschränkung der Nahrungszufuhr und/oder verstärkte körperliche Aktivität erreicht.
  • Die Anorexia nervosa mit zusätzlichen Gewichtsreduktionsmethoden schließt darüber hinaus selbstherbeigeführtes Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln und entwässernden Medikamenten mit dem Ziel der Gewichtsabnahme ein. Sie geht oft nahtlos in eine Anorexia nervosa mit bulimischen Attacken über. Hier wechseln sich Zeiträume eingeschränkter Nahrungszufuhr mit Essattacken ab, in denen große Mengen an Nahrung verschlungen werden. Eine Gewichtszunahme wird dann durch die beschriebenen gewichtsreduzierenden Methoden vermieden.
  • Bei Beginn der Erkrankung vor der Pubertät (kindliche Anorexie) ist die Abfolge der pubertären Entwicklungsschritte verzögert oder gehemmt. Das Wachstum wird massiv gebremst, die Brustentwicklung und die erste Regelblutung bleiben bei Mädchen aus. Die Geschlechtsorgane der Knaben entwickeln sich nicht weiter.

Die Auslöser für eine Magersucht sind vielfältig. Beispielsweise kann ein überbehütendes Elternhaus oder starker Leistungsdruck eine Rolle spielen, aber auch sexueller Missbrauch. Meist beginnt die Störung in der Pubertät, wenn die Mädchen die ersten Rundungen entwickeln. Einige Psychologen gehen davon aus, dass viele von ihnen das Erwachsenwerden und die Rolle als Frau ablehnen und darum die weiblichen Kurven weghungern. Obwohl es Magersüchtige schon früher gegeben hat, hat die Krankheit seit Mitte des 20. Jahrhunderts in den Industrienationen stark zugenommen. Ein Grund dafür ist das derzeitige Schönheitsideal: Viele Magersüchtige eifern dem Idealbild klapperdürrer Models nach. Sie entwickeln fast immer eine verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers, die Fachleute als Körperschemastörung bezeichnen. Obwohl sie bereits bis auf die Knochen abgemagert sind, fühlen sich die Kranken immer noch zu dick.

Die gesundheitlichen Folgen der Magersucht sind dramatisch. Durch die Nahrungsverweigerung gerät der Hormonhaushalt aus der Balance, die Menstruation bleibt aus. Auch Verlangsamung des Herzschlags, Absinken von Blutdruck und Körpertemperatur, Hautprobleme, eine flaumartige Behaarung des Rückens, Muskelschwäche, Haarausfall und Wassereinlagerung im Gewebe können als Folgen der Anorexie auftreten. Der Mineralstoffhaushalt ist in der Regel gestört. Der durch die Mangelernährung ausgelöste Kaliummangel kann lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen zur Folge haben. Haare und Nägel werden spröde und brüchig. Der Körper brennt auf absoluter Sparflamme, die Betroffenen sind anfälliger für Krankheiten, schlapp, müde, reizbar und niedergeschlagen. Eine Spätfolge kann Knochenschwund (Osteoporose) sein, da die Knochendichte in jungen Jahren bestimmt wird. Das Deutsche Institut für Ernährungsmedizin und Diätetik (DIET) gibt an, dass bis zu 15 Prozent der Magersüchtigen an den Folgen der Erkrankung sterben. Damit forder die Anorexie mehr Opfer als jede andere psychiatrische oder psychosomatische Störung.

 

Bulimie – zwischen Essattacke und Erbrechen

Die Bulimie oder Ess-Brech-Sucht ist deutlich häufiger als die Anorexie. Auch sie betrifft weitaus mehr Frauen, nur fünf bis zehn Prozent der Betroffenen sind Männer. Bulimiekranke erleben regelmäßig Fressattacken, in denen sie wahllos große Mengen meist hochkalorischer Nahrungsmittel verschlingen. Anschließend erbrechen sie die soeben verzehrte Nahrung wieder. Andere Bulimiker nehmen zusätzlich regelmäßig Abführmittel, um nicht dick zu werden. Bulimische Frauen und Männer können unter-, normal- oder auch übergewichtig sein, sie haben aber meist ein sehr schlankes Körperideal.

Dass sie Probleme haben und Hilfe brauchen ist von außen meist nicht zu erkennen. Häufig bemerken auch enge Angehörige lange Zeit nichts. Die Kranken lernen, lautlos zu erbrechen oder nutzen gezielt Zeiträume, in denen sie ungestört sind. Die Fress- und Brechattacken geschehen unkontrolliert. Ihre Häufigkeit reicht von einem Mal in der Woche bis zu 20 Attacken am Tag. In anderen Fällen wechseln sich längere Phasen mit normalem Essverhalten oder Diäten und solche mit Essattacken ab. Bulimiekranke schämen sich in der Regel für ihre Essstörung, ekeln sich vor sich selbst und haben Schuldgefühle. Initialzündung ist auch hier meist eine Diät. Wenn diese nicht durchgehalten wird und in einer Heißhungerattacke mündet, kann dies das erste absichtliche Erbrechen provozieren. Auch hinter einer Bulimie steckt häufig eine tiefe Unsicherheit. Schlank zu werden oder zu bleiben wird für die Kranken zur fixen Idee, mit der Traumfigur hoffen sie ihr Selbstbewusstsein aufzupäppeln.

Auch hier sind die gesundheitlichen Konsequenzen erheblich: Die Zähne werden von dem dauernden Kontakt mit Magensäure angegriffen, Karies tritt auf. Die Schleimhaut der Speiseröhre kann durch das künstliche Erbrechen einreißen. Magenprobleme und Verdauungsstörungen mit abwechselndem Durchfall und Verstopfung treten auf. Die Fehlernährung, der Missbrauch von Abführmitteln und der Verlust an Magensäure bringen den Elektrolythaushalt durcheinander und führen zu Kreislaufproblemen. An den Handrücken sind eventuell Verhornungsmale zu erkennen, die durch das selbst provozierte Erbrechen ("Finger in den Hals stecken") entstehen. Hinzu kommen psychosoziale Auswirkungen: Sie ziehen sich von Freunden zurück, um zu essen und zu erbrechen. In extremen Fällen verschulden sich die Kranken, da das viele Essen auch viel Geld verschlingt.

 

Binge Eating – Auf und Ab

„Binge“ bedeutet übersetzt soviel wie „schlingen“. Der Unterschied zur Ess-Brech-Sucht oder Bulimie liegt im Wesentlichen darin, dass keine Gegenmaßnahmen nach einem Essanfall ergriffen werden. Das heißt, die Betroffenen versuchen nicht, das Essen mit extremem Sport, Abführmitteln oder Erbrechen zu kompensieren. Binge Eating ist ebenfalls eine seelisch bedingte Essstörung, die meist mit Übergewicht oder Adipositas verbunden ist. Das bedeutet aber nicht, dass Übergewichtige automatisch an Binge Eating leiden, ebenso kann das Krankheitsbild der Binge Eating-Störung auch bei Normalgewichtigen auftreten. Die Behandlungskonzepte entsprechen in der Regel denen der Bulimie.
Binge Eating ist unter den psychogenen Essstörungen das Krankheitsbild, welches bisher am wenigstens erforscht ist. Eine abschließende Definition der Diagnosekriterien steht noch aus.

 

Esssucht und latente Esssucht

Äußeres Merkmal der Esssucht ist das Übergewicht (Adipositas), verursacht durch regelmäßiges Zu-viel-Essen oder auch durch Diätkuren, die zu regelmäßigen Essanfällen führen. Das Essen ist keine Reaktion auf Hungergefühle, sondern überwiegend ein Ersatz für unerfüllte emotionale Bedürfnisse. Das übermäßige Essen ist eine leider sehr ungesunde Methode, mit Ängsten, Überforderung, Nähe, Ärger, Trauer, Wut, Zurückweisungen, innerer Leere, Intimität, Einsamkeit, der Rollenerwartung und Selbstkritik umzugehen. Esssüchtige schlucken ihre unangenehmen Gefühle herunter. Beginnen sie erst einmal mit dem Essen, gibt es keine Kontrolle mehr für sie. Die Betroffenen fühlen sich dem Essen hilflos ausgeliefert.   Latent esssüchtige Menschen führen eine ständige Auseinandersetzung mit ihrem Körpergewicht. Sie leben in einem Wechsel zwischen zu vielem Essen und Diät halten. Sie verwenden Appetitzügler, Lightprodukte und Abführmittel und zählen ständig Kalorien. Ihr Gewicht kann innerhalb kurzer Zeit stark schwanken, der Zeiger auf der Waage ist einer ständigen Berg- und Talfahrt unterworfen. Latente Ess-Sucht begünstigt den Einstieg in andere Ess-Störungen: Versagt die Selbstkontrolle, kann daraus irgendwann eine Ess-Sucht oder eine Bulimie entstehen. Oder im anderen Fall: Die positive Reaktion der Mitmenschen auf die Selbstkontrolle spornt die Betroffenen an, noch rücksichtsloser mit sich zu werden und kann zur Magersucht (Anorexia nervosa) führen.

 

Wege aus der Störung

Eine Essstörung zu überwinden ist schwierig. Für Esssüchtige und Bulimiekranke ist das besondere Problem, dass sie ihrem „Suchtmittel“, dem Essen, nicht für immer aus dem Weg gehen können. Mit jeder Mahlzeit droht ein Rückfall. Magersüchtigen hingegen fehlt meist die Einsicht, krank zu sein, da sie meist auch mit schwerem Untergewicht noch gut „funktionieren“ (z.B. gute Noten, Sport). Daher verweigern sie mitunter regelrecht die Behandlung. Nur durch therapeutische Hilfe ist es möglich, die Ursachen für die Essstörung aufzudecken, den eigenen Körper akzeptieren zu lernen, das Selbstwertgefühl zu stärken und so das Loslassen der Krankheit zu ermöglichen. In schweren Fällen ist ein längerer Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik notwendig. Grundsätzlich gilt: Je eher mit einer Therapie begonnen wird, desto größer ist die Chance, die Störung zu überwinden. Suchen Sie einen kompetenten Therapeuten, der Sie ausführlich berät und bei der Bekämpfung der Essstörung unterstützt. Dann haben Sie gute Chancen, wieder ein normales Leben zu führen.

Datum: 18. Januar 2011

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