Kinder

Kinderrheuma

Beschreibung

Dr. med. Katharina Larisch

Rheuma ist eine Erkrankung, die nicht nur bei Erwachsenen auftritt. Kindliche rheumatische Erkrankungen unterscheiden sich in vielfacher Hinsicht von der rheumatoiden Arthritis der Erwachsenen.

Bundesweit leiden etwa 40.000 Kinder und Jugendliche an entzündlich-rheumatischen Erkrankungen. Das sind vor allem Gelenkentzündungen unklarer Ursache. Etwa 1 von 1.000 Kindern unter 16 Jahren erkrankt jährlich an einer Gelenkentzündung, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendrheumatologie. Häufig verläuft diese Gelenkentzündung mild und klingt bei 8 bis 9 von 10 Kindern wieder ab, ohne Gelenkveränderungen zu hinterlassen. Bei etwa 10 bis 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen verläuft die Gelenkentzündung chronisch. Für diese chronische Gelenkentzündung wird der Begriff "Gelenkrheuma" bei Kindern und Jugendlichen verwendet. Welche Verläufe chronisch werden, lässt sich primär nicht abschätzen. Insgesamt sind rund 15.000 Kinder von Gelenkrheuma betroffen, schätzen Experten.

Grundsätzlich gibt es zwei verschiedene Gruppen von rheumatischen Erkrankungen bei Kindern. Akute Formen treten meist als Folge von Infektionen auf. Sie halten oft nur Tage oder Wochen an, können aber auch über Monate oder ein bis zwei Jahre immer wieder aufflackern. Zu diesen Erkrankungen gehört auch das rheumatische Fieber oder die Arthritis durch Borrelieninfektionen nach Zeckenbissen. Sehr selten gehen die akuten Formen in chronische Gelenksentzündungen über. Die akuten Rheumaformen sind etwa fünfmal häufiger als die chronischen Verläufe so die Deutsche Rheuma-Liga.

Ursachen

Die Ursachen der juvenile idiopathische Arthritis JIA sind ähnlich wie bei der rheumatoiden Arthritis der Erwachsenen nicht endgültig geklärt. Es handelt sich um eine Fehlfunktion des Immunsystems, wobei die Abwehrzellen körpereigenes Gewebe angreifen (Autoimmunerkrankung). Es gibt einige Erbfaktoren (z.B. die Zelleigenschaft HLA B27), die zum Ausbruch der Erkrankung beitragen, eine richtige Erbkrankheit ist es aber nicht.

Symptome

Chronisch rheumatische Gelenksentzündungen wie die juvenile idiopathische Arthritis (JIA) beginnen meist „schleichend“  - ohne erkennbare äußerer Ursache. Die ersten Anzeichen der Krankheit stellen sich manchmal so wenig offentichtlich ein, dass der genaue Beginn im Nachhinein nicht mehr sicher feststellen lässt. Deshalb ist es auch so schwierig, rechtzeitig die richtige Diagnose zu stellen.

Kinder sind oft noch nicht in der Lage, Veränderungen an ihrem Körper wahrzunehmen oder einzuordnen. Meist bemerken die Eltern die ersten Anzeichen. Dazu gehören:

  • Ein oder mehrere Gelenke sind ohne vorausgegangenen Unfall oder Verletzung verdickt;
  • Fühlbare Überwärmung eines Gelenks;
  • Auffällige Bewegungseinschränkung;
  • Vor allem morgendliche Gelenksteifigkeit und Gelenkschmerzen (mittags sind die Beschwerden deutlich geringer, was die Ärzte leicht auf eine falsche Fährte führen kann);
  • Das Kind schont ein oder mehrere Gelenke (z.B. Schonhinken);
  • Ein Kleinkind, das schon laufen kann, will wieder getragen werden; Treppen können nicht mehr gestiegen werden;
  • Augenentzündungen.

Denken Sie daran, dass Kinder oftmals nicht sagen können, wo sie Schmerzen haben, umso wichtiger ist eine Beobachtung des Verhaltens.

Da Kinder in allen Altersgruppen an chronischem Rheuma erkranken können, ist bei jeder unklaren Bewegungsstörung eines Kindes eine Klärung durch einen Spezialisten notwendig. Denn eine frühzeitige Diagnose bessert die Chancen einer gezielten Behandlung mit höheren Erfolgsaussichten.

Verschiedene Formen

Von einer JIA spricht man bei einer Entzündung der Gelenke von mindesten sechs Wochen Dauer. Die JIA lässt sich in mehrere Untertypen unterteilen. Je nach Erkrankungsalter, Anzahl der befallenen Gelenke, Beteiligung von inneren Organen, Sehnen, Augen und Haut unterscheidet man verschieden Formen.

Die schwerste Form betrifft den gesamten Körper, nicht nur die Gelenke; sie wird deshalb auch systemische JIA (früher auch Still-Syndrom des Kindesalters) genannt. Sie beginnt meist schon im Kleinkindesalter. Unter Umständen schon Monate vor dem Gelenksbefall haben die Kinder Fieber, flüchtige Hautausschläge und Lymphknotenschwellungen. Leber und Milz sind oft vergrößert, sogar das Herz kann an der überaus starken Entzündung beteiligt sein. Nur jwenige Patienten entwickeln nach Monaten eine ausgeprägte Gelenkbeteiligung (Polyarthritis).

Die kindliche Polyarthritis (Poly = viele, Arthritis = Gelenksentzündung) befällt symmetrisch fünf und mehr Gelenke, wobei häufig Finger- und Handgelenke mitbetroffen sind. Bei der Polyarthritis wird laborchemisch unterschieden, ob ein bestimmter Laborwert (der Rheumafaktor) nachweisbar ist oder nicht. Man spricht dann von einer seropositiven (10 Prozent der Polyarthritis-Fälle) bzw. seronegativen Polyarthritis. Der Krankheitsverlauf ist bei der seropositiven Form meist schwerer als bei der Rheumafaktor-negativen Form. Die polyartikulären Formen sind schwer zu beeinflussen und führen bei vielen Patienten über Jahre zum Verlust von Gelenkfunktionen. Die seropositive Form ähnelt am ehesten der rheumatoiden Arthritis des Erwachsenen.

Die oligoarthrische Form ist die häufigste und stellt die Hälfte aller JIA´s dar. Die Oligoarthritis-Typ I befällt häufiger Mädchen. Weniger als fünf Gelenke sind entzündet (wörtlich: oligo = einige, wenige), vor allem die Knie- und Sprunggelenke. Rund 80 Prozent der Patienten sind im Erwachsenenalter gesund in Bezug auf die Gelenke, bei anderen kommen im Laufe der Erkrankung immer mehr Gelenke hinzu (extended Oligoarthritis) mit einer ungünstigen Langzeitprognose. Sehr häufig kommt es zu Entzündungen der Regenbogenhaut des Auges (Iridozyklitis), die gleichzeitig oder unabhängig von den entzündlichen Schüben an den Gelenken auftreten. In 60 bis 70 Prozent der Fälle entstehen bleibende Schäden am Auge, jeder fünfte Betroffenen erblindet. Da diese Entzündung anfangs unbemerkt abläuft, sind regelmäßige augenärztliche Kontrollen notwendig. Im Gegensatz dazu sind es in erster Linie Jungen, die an einer Oligoarthritis-Typ II erkranken. Sie haben zusätzlich häufig auch Rückenschmerzen. Die Oligoarthritis-Typ II kann in einen Morbus Bechterew übergehen.

Bei beiden Oligoarthritiden entwickeln rund 30 Prozent der Kinder Entzündungen der Regenbogenhaut des Auges (Iridozyklitis) und der Aderhaut des Auges (Uveitis), die gleichzeitig oder unabhängig von den entzündlichen Schüben an den Gelenken auftreten. Da diese Entzündung anfangs unbemerkt abläuft und weitreichende Folgen für die spätere Sehfähigkeit haben kann, sind bei dieser Erkrankung regelmäßige augenärztliche Kontrollen notwendig.

Eine Sonderform ist die Psoriasis-Arthritis. Hier ist die Gelenkentzündung mit einer Schuppenflechte (Psoriasis) kombiniert, die aber zu Beginn der Gelenkentzündungen noch nicht vorhanden sein muss. Eine Familienanamnese ist hilfreich. Auch hier sind häufig die Fingergelenke betroffen.

Auch im Kindes- und Jugendalter gibt es entzündliche Erkrankungen der Gefäße (Vaskulitiden). Ist die Haut dadurch erkrankt, sind die an kleine Blutungen erinnernden Gefäßentzündungen leicht zu erkennen. Aber auch alle inneren Organe können befallen sein. Schwerwiegende Symptome verursachen vor allem Beteiligungen des Gehirns und der Nieren.

Eine meist harmlos verlaufende Vaskulitis ist die Purpura Schoenlein-Henoch. Sie befällt vor allem Jungen im Alter von zwei bis zehn Jahrenund tritt wenige Wochen nach einem Infekt auf. In der Regel bedarf die Erkrankung keiner Therapie, solange nur die Haut betroffen ist und keine Beteiligung der Nieren vorliegt.

Kollagenosen, also Erkrankungen des Bindegewebes, sind im Kindesalter seltener als die JIA. Entsprechend der weiten Verbreitung von Bindegewebe in fast allen Organen des Körpers kann eine Vielzahl von Symptomen auf diese Autoimmunerkrankungen hinweisen (Arthritiden, Vaskulitiden etc.). Zu den Kollagenosen gehören der Lupus erythematodes, die Dermatomyositis  und die Sklerodermie. Dies sind Krankheiten, die durch spezielle Antikörper im Blut diagnostiziert werden können und eine intensive medikamentöse Therapie erfordern.

Krankheiten mit wiederkehrenden, oft in regelmäßigen Abständen (periodisch) auftretenden Fieberschüben werden auch von Kinderrheumatologen diagnostiziert und behandelt. Bei den meisten ist die genetische Grundlage inzwischen bekannt und kann für die molekulargenetische Diagnostik verwandt werden. Andere Ursachen von Fieber, meist also virale und bakterielle Infekte, müssen sorgfältig ausgeschlossen werden, bevor ein periodisches Fiebersyndrom als Krankheitsursache in Erwägung gezogen wird.

Diagnostik

Zeigt Ihr Kind eines der oben beschriebenen Symptome, wird der Kinderarzt weitere Untersuchungen vornehmen, um eine sichere Diagnose zu stellen. Mittels einer körperlichen Untersuchung lässt sich genau feststellen, welche und wie viele Gelenke betroffen sind. Mit Hilfe einer Blutprobe lässt sich das Ausmaß der Entzündung anhand der Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) und des C-reaktiven Proteins (CRP) bestimmen. Rheumatypische Laborwerte sind im Kindesalter viel seltener erhöht als bei Erwachsenen. Dazu gehören der Rheumafaktor und die antinukleären Antikörper (ANA).

Ultraschalluntersuchungen können in entzündeten Gelenken das Ausmaß des Ergusses und der verdickten Gelenksinnenhaut zeigen, dies gelingt mit der aufwändigeren und teureren Kernspintomografie selbst an schwer zugänglichen Gelenken. Röntgenbilder der betroffenen Gelenke zeigen gerade bei Kindern oft erst sehr spät eindeutige Veränderungen und sind daher zur Erstdiagnostik nicht geeignet.

Rheuma ist oft schwierig zu diagnostizieren. Die Krankheit beginnt bei vielen Kindern schleichend, und es müssen viele Faktoren berücksichtigt werden, bevor der Arzt sicher sein kann, dass der kleine Patient auch tatsächlich eine JIA hat. Wenden Sie sich daher frühzeitig auch an Spezialisten in Kinder-Rheuma-Ambulanzen oder Kinderrheumatologischen Zentren. Dort werden Sie eingehend zur der Erkrankung und weiteren Diagnostik- und Behandlungsschritten beraten.

Schwere Fälle der JIA können unter anderem auch zu Wachstumsstörungen führen. Deshalb ist es wichtig, dass Sie sich ausreichend bei einem Facharzt informieren und beraten lassen. Fragen Sie ihn, wenn Sie etwas nicht verstehen. Denn: Je besser Sie über die JIA Bescheid wissen, desto besser sind die Chancen, sie gut in den Griff zu bekommen.

Wichtige Informationen halten die Selbsthilfegruppen bereit, z.B. die Deutsche Rheuma-Liga.

Datum: 2. Februar 2011