Stressbewältigung

Leben mit Stress

Dr. med. Katharina Larisch

Ständig unter Strom

Der Wecker piept, und Sie stehen senkrecht im Bett, Sie stopfen sich Ihr Frühstücksbrötchen im Auto in den Mund, weil Sie schon wieder im Stau stehen, Sie schaffen den Termin mit Ihrem Chef gerade noch rechtzeitig, lassen die Mittagspause sausen, hängen dann pausenlos am Telefon und arbeiten schließlich das Chaos auf Ihrem Schreibtisch ab. Abends hetzen Sie in den Supermarkt, stecken dann die Kinder ins Bett und müssen schließlich noch den nächsten Tag vorbereiten. Hetze und Termindruck enden häufig auch im Bett noch nicht, wenn sich das Gedankenkarussell um die Aufgaben des nächsten Tages dreht.

Das Leben vieler Menschen hat in den vergangenen Jahrzehnten deutlich an Fahrt aufgenommen. Wo die Post früher wenigstens einen Tag brauchte, sausen E-Mails nun in Sekundenschnelle durchs Internet und wollen beantwortet werden – sofort! Per Handy ist der Großteil der Bevölkerung permanent erreichbar - und damit dauernd in Rufbereitschaft. Auch nach Feierabend geht es bei den meisten rund: Sportverein, Einladungen, Kino oder Kurztrip - der Begriff Freizeitstress ist schon lange kein Fremdwort mehr. Und wer außerdem noch Kinder hat, für den potenziert sich das Ganze noch einmal.

Es verwundert nicht, dass der Dauerstress seinen Tribut fordert: So haben beispielsweise psychische Erkrankungen in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Inzwischen gehen nach Angaben des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen beispielsweise rund neun Prozent aller Krankentage auf seelische Störungen wie Depressionen und Angsterkrankungen zurück, 1976 lag dieser Anteil bei nur zwei Prozent.

Hinzu kommt der Druck von innen: Perfektionswahn, Sorgen um den Arbeitsplatz, der Wunsch, eine wichtige Situation besonders gut zu meistern, Ärger über Kollegen oder mit der Familie. Kurz: Der größte Druck entspringt häufig dem eigenen Kopf.Stressreaktion – Körper im Gleichgewicht

Der Begriff „Stress“ stammt aus dem Englischen und wurde ursprünglich in einem ganz anderen Zusammenhang verwendet, nämlich in der Materialforschung. Er bedeutete soviel wie „Druck, Verbiegung, Anspannung“ und kennzeichnete die Eigenschaften eines Gegenstandes. Der kanadische Arzt Hans Selye übertrug diesen Begriff in den 30er-Jahren auf den Menschen. Er definierte Stress als Antwort des Organismus auf alles, was das Gleichgewicht bestimmter Körperfunktionen stört: Hitze, Kälte, Hunger, Durst, Freude, Angst. Die Stressreaktion entsteht, weil der Körper die Funktionen wieder in ein harmonisches Gleichgewicht bringen will. Heute weiß man, dass eine ganze Reihe von weiteren Faktoren am Stressgeschehen beteiligt sind, zum Beispiel die innere Einstellungen und persönliche Verarbeitungsstrategien.

Stress – Schwung fürs Leben oder Krankmacher

Der allgegenwärtige Stress hat einen denkbar schlechten Ruf. Dabei ist der Zustand des „Gestresstseins“ eigentlich ein genialer Trick der Natur. In Gefahrensituationen, aber auch angesichts anderer Herausforderungen mobilisiert der Körper Kraftreserven. Puls und Atmung beschleunigen sich und das Blut strömt schneller in den Gefäßen: Mehr Sauerstoff und mehr Zucker stehen zur Verfügung. Hormone wie Adrenalin und Cortisol schießen in die Blutbahn und sorgen dafür, dass ein Mensch hellwach ist und blitzschnell reagieren kann. Stress ist also an sich nichts Negatives, im Gegenteil: Er ist überlebenswichtig.

Mehr noch: Stress kann richtig Spaß machen. Richtig dosiert bringt er Schwung ins Leben und verleiht Flügel. Wer eine anspruchsvolle Aufgabe bewältigt, läuft plötzlich zur Höchstform auf. Auch wer herzklopfend zu einem Rendezvous eilt, steht unter Strom – aber unter positivem. „Eustress“ nennen Wissenschaftler diese Form der Anspannung, die als durchaus angenehm erlebt wird – im Gegensatz zum „Distress“, dem negativen Stresserlebnis. Brenzlig wird die Sache aber erst, wenn Menschen dauernd unter Strom stehen.

 

Stress erkennen – Gestörter Schlaf und Gummibärchensucht

Doch wie erkennt man Stress überhaupt? Stressforscher haben vier verschiedene Ebenen mit typischen Symptomen definiert, an denen man möglichen Stress festmachen kann.

Auf der kognitiven Ebene (Wahrnehmung) kommt es zu typischen Symptomen wie Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, eingeengte Wahrnehmung, Zerstreutheit, negativem Denken (ständiges Sorgen, Grübeln) oder Schwierigkeiten bei Entscheidungen.

Auf der psychischen Ebene schlägt sich Stress schnell nieder: Wer gestresst ist, reagiert gereizt und aggressiv oder - je nach Veranlagung - auch energielos, antriebsschwach oder weinerlich. Typisches Anzeichen für den übermächtigen Druck sind auch innere Unruhe, Überdrehtheit, Erschöpfungsgefühle, Ausgebranntsein (Burn-Out-Syndrom) oder sogar Angsterkrankungen.

Der Körper warnt auf seine Weise. Vielen schlägt Stress auf den Magen. Das reicht von Appetitlosigkeit oder Gummibärchensucht über Sodbrennen, Magendrücken und Verdauungsstörungen bis hin zum Magengeschwür. Außerdem haben gestresste Menschen höhere Cholesterinwerte und leiden häufiger unter Bluthochdruck. Im Extremfall droht ein Herzinfarkt. Stress schwächt aber auch das Immunsystem – Herpesbläschen blühen auf oder das Stressopfer ist anfälliger für Grippe, Schnupfen & Co.

Auf der Verhaltensebene schlägt sich Stress mit typischen Symptomen nieder. Gestresste Menschen entwickeln „Ticks“: Sie wippen ständig mit den Füßen, trommeln mit den Fingern auf dem Tisch, zupfen sich Kragen oder Krawatte zurecht oder räuspern sich permanent. Die Gefahr für Pannen und Unfälle klettert, sie zeigen zwanghaftes Verhalten, bauen die Spannung durch Überaktivität ab oder lenken sich mit anderen Dingen ab. Dazu gehören übersteigertes Konsumverhalten oder Arbeiten. Typisch ist auch der Griff zu den schnellen Stresslösern, beispielsweise Zigaretten, Kaffee, Alkohol und Süßigkeiten – der Konsum steigt unter Stress beträchtlich an.

Hier gilt es, die Zeichen rechtzeitig zu erkennen und die „Notbremse“ zu ziehen - und zwar bevor sich der Stress schädlich auf Körper und Seele auswirkt. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen beim Arzt bringen ans Licht, ob sich Krankheiten anbahnen oder sogar schon manifestiert haben. Wer die Warnsignale erkennt und ernst nimmt, kann gegensteuern, bevor Körper und Seele nicht mehr mit machen.

 

Stressklassiker – Prüfungen und Langeweile

Stress ist in der Regel eine Frage der Persönlichkeit. Was der eine völlig locker nimmt, ist für den anderen schon Stress pur. Ganz pauschal kann man nur sagen, dass negativer Stress immer da beginnt, wo ein Mensch überfordert statt gefordert ist. Natürlich gibt es auch die Stressklassiker. Dazu gehören Prüfungssituationen aller Art – wobei die Führerscheinprüfung beispielsweise durchaus unterschiedlich wahrgenommen wird. Außerdem Ärger jeglicher Couleur – vom Nachbarschaftsstreit bis zur Beziehungskrise, ungelöste Probleme, Ängste, aber auch die Eintönigkeit. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass auch Routine und Langeweile ernstzunehmende Stressfaktoren sind.

 

Stressfrei leben?

Stress ganz aus seinem Leben ausklammern – das funktioniert nicht und im Grunde will das auch niemand. Hieße das doch, in Langeweile zu versinken. Man kann sich aber aus der Stressspirale ausklinken. Wege dazu gibt es viele. Beispielsweise Prioritäten setzen, sich vom Perfektionismus verabschieden, sich klar machen, was wirklich wichtig ist und andere, weniger wichtige Dinge entspannt hintenan stellen. Dazu gehört auch, den Blickwinkel zu verändern. Manche stellen schnell fest, dass sie nicht alles brauchen, sein oder haben müssen, was sie als unerlässlich betrachten. Es gilt, selbstbewusster zu werden und vor allem die Dinge mit Humor zu nehmen. Lachen ist die beste Medizin. Und nichts löst den Stress wirkungsvoller auf - in Wohlgefallen.

Datum: 21. Januar 2011

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